Visuelle Soziologie

Inhalte

Die Visuelle Soziologie ist ein neues Forschungsfeld, das sich mit der Bedeutung von bewegten wie unbewegten Bildern in gesellschaftlichen Prozessen beschäftigt. Fragen wie die folgenden haben empirische wie auch theoretische Forschungen angeregt, die sich in den letzten zehn Jahren im deutsch- wie englischsprachigen Raum zunehmend dynamisch entwickelt haben.

-       Welche sozialen und gesellschaftlichen Gestaltungsprozesse sind mit Film, Video, Fotografie, Zeichnung, Malerei, Diagramm, Schaubild, Plakat, Graffiti, und anderem mehr in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen verbunden?

-       Welche Rolle spielen Filme, Videos, Einzelbilder und Bildsammlungen in öffentlichen, privaten und halböffentlichen sozialen Welten; im Internet, in der Werbung, Popularkultur, in Wissenschaft, Politik u.v.a. mehr? 

-       In welcher Weise hängen historische Entwicklungen von Gesellschaften mit Bildern und ihren (technischen) Medien zusammen?

-       Welche sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen gehen mit der zunehmenden Verlagerung der Wissens- und Symbolproduktion in die visuelle Dimension einher?

-       Wie zirkulieren Bilder in Globalisierungsprozessen und welche kulturellen, ökonomischen und politischen Prozesse sind damit verbunden?  

-       Inwiefern sind Bilder ähnlich grundlegend wie etwa die Sprache an der Herstellung von Sozialität beteiligt? In welchen visuellen Dimensionen konstituieren sich gesellschaftliche Ordnungen?

-       Wie lassen sich Erhebung und Auswertung visueller Materialien in bestehende soziologische Forschungsmethoden integrieren? Wie kann das methodologische und methodische Instrumentarium der Soziologie weiterentwickelt werden um bildliche Aspekte gesellschaftlichen und sozialen Lebens besser zu erfassen?

Viele dieser Fragen sind in den letzten Jahren von Lehrenden wie Studierenden an unserem Institut bearbeitet worden. Sie bilden den Kern der ab Wintersemester 2012/13 institutionalisierten Forschungsspezialisierung VISUELLE SOZIOLOGIE im Masterstudium.

Mit der Visuellen Soziologie verbinden wir vorwiegend wissenssoziologische Ansätze in ihrer theoretischen und methodologisch-methodischen Breite (Interpretative Soziologie, Hermeneutik, Ethnomethodologie, Diskursanalyse, Grounded Theory) mit der Erforschung aller gesellschaftlich relevanten Bildmedien. Es werden theoretische Konzepte aus dem inzwischen weit ausdifferenzierten Feld der Bildwissenschaften, basierend auf Symboltheorien (Cassirer/Langer), phänomenologischen Wahrnehmungs- und Bildkonzepten (Merleau-Ponty, Boehm, Wiesing), den Kulturwissenschaften bzw.  der Visual Culture (Mitchell, Mirzoeff) sowie Film- und Medientheorien (Faulstich, Hickethier, Winter)  vermittelt. Dabei werden Verbindungen zu klassischen soziologischen Theorien hergestellt, soweit sich diese mit Bildern beschäftigt haben (Goffman, Simmel, Schütz, Foucault, Bourdieu).

Einen weiteren Fokus bildet die Entwicklung methodologischer und methodischer Zugänge zur Film- und Bildinterpretation. Ein Schwerpunkt liegt auch in der Erzeugung visueller Daten in der Soziologie und ihren Nachbardisziplinen. Visuelles, d.h. Bild- und Videomaterial werden auch selbst erhoben, etwa in ethnographisch angeleiteten fotografischen Dokumentationen, in Fotobefragungen oder als ethnografische oder dokumentarische Filme.

Bisher wurden Analysen etwa zu folgenden konkreten Problemstellungen durchgeführt (unvollständige Auswahl).

  • Visuelle Repräsentation und Wahrnehmung von Stadt, Armut, Gender, Alte/r/n, Migration, Arbeit, kulturelle Vielfalt
  • Werbung als Spiegel
  • Selbstpräsentation und Identität im Internet
  • Subkultur, Popularkultur, Kunst und Gesellschaft
  • Bildsymbole im Alltag
  • Fotografie
  • Royal weddings in der globalen Medienkultur
  • Politik – Mode – Gender 

Viele weitere sind denkbar, insbesondere auch an den Schnittstellen zu den anderen soziologischen Forschungsspezialisierungen: Kultursoziologie; Wissenschaftsforschung; Sozialstrukturanalyse; Gesundheit und Organisation; Arbeit; Familie, Lebenslauf, Generationen sowie Gender Studies.

Beispiele für Aktivitäten und Veranstaltungen am Institut für Soziologie finden Sie auf der Homepage der Visuellen Soziologie

Ziele

In der Forschungsspezialisierung "Visuelle Soziologie“  haben Studierende die Möglichkeit, sich theoretisches wie methodisches Wissen im Zusammenhang mit oben genannten Themen aus einem neuen und innovativen Feld der Soziologie anzueignen. Sie können eigenständig zu Projekten ihres Interesses arbeiten, kreative Ideen entwickeln und unterschiedliche Theorien und Forschungsmethoden anwenden.

In der forschungsgeleiteten Lehre erhalten Studierende Einblick in laufende Projekte. Wir möchten Abschlussarbeiten anregen, die an bestehende Konzepte und Themen der Visuellen Soziologie anschließen und diese auch eigenständig weiterentwickeln. Es gibt die Möglichkeit, theoretische und empirische Arbeiten, vorzugsweise eine Kombination aus Beidem, zu erstellen.

Basisliteratur

Monographien und Sammelbände

Belting, Hans (2007) Bilderfragen. Die Bildwissenschaften im Aufbruch, München: Fink

Berger, John u.a. (1984) Sehen. Das Bild der Welt in der Bilderwelt, Reinbek bei Hamburg

Boehm, Gottfried (2007) Wie erzeugen Bilder Sinn. Zur Macht des Zeigens, Berlin: University Press

Böhme, Gernot (1999) Theorie des Bildes, München: Fink

Breckner, Roswitha (2010) Sozialtheorie des Bildes. Zur interpretativen Analyse von Bildern und Fotografien, Bielefeld: transcript

Evans, J. and S. Hall (1999) Visual Culture: The Reader, London: Sage

Goffman, Erving (1981) Geschlecht und Werbung, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Knoblauch, Hubert, Bernd Schnettler, Jürgen Raab und Hans-Georg Soeffner (eds) (2006) Video Analysis: Methodology and Methods. Qualitative Audiovisual Data Analysis in Sociology, Frankfurt a. Main u.a.: Peter Lang

Maar, Christa und Hubert Burda (Hg) (2006) Iconic Worlds. Neue Bilderwelten und Wissensräume, Köln: Dumont

Mirzoeff, Nicholas (Hg.) (1998/2002): The Visual Culture Reader, New York: Routledge

Mitchell, William J.T. (2008) Bildtheorie, Frankfurt am Main: suhrkamp

Mitchell, William J.T. (2005) Das Leben der Bilder. Eine Theorie der Visuellen Kultur, München: Beck

Neumann-Braun, Klaus und Stefan Müller-Doohm (Hg.) Medien- und Kommunikationssoziologie. Eine Einführung in zentrale Begriffe und Theorien, Weinheim und München: Juventa

Raab, Jürgen (2008) Visuelle Wissenssoziologie. Theoretische Konzeption und materiale Analysen, Konstanz: UVK

 

Artikel aus wissenschaftlichen Fachzeitschriften und Sammelbänden

Breckner, Roswitha (2012) Bildwahrnehmung – Bildinterpretation Segmentanalyse als methodischer Zugang zur Erschließung bildlichen Sinns, in: Österreichische Zeitschrift für Soziologie, Sonderheft Visuelle Soziologie, 2/2012

Breckner, R. (2011) Kulturelle Vielfalt? Zur Konstruktion von Eigenheit und Fremdheit im öffentlichen Bilderraum, in: SWS Rundschau - Die Zeitschrift der Sozialwissenschaftlichen Studiengesellschaft, Heft 4/2011, 449-466

Breckner, Roswitha (2007) Pictured Bodies. A Methodical Photo Analysis. In: INTER (Interaction, Interview, Interpretation) Bilingual Journal for Qualitative-Interpretive Social Research in Eastern Europe, Russian Academy of Social Sciences Moscow, Vol. 4: 125-141 (dort auch in russischer Übersetzung erschienen)

Kolb, Bettina (2008) Involving, Sharing, Analysing – Potential of the Participatory Photo Interview. In: Forum Qualitative Sozialforschung, Vol 9 No 3, www.qualitative-research.net/ index.php/fqs/issue/view/11

Loer, Thomas (1994) Werkgestalt und Erfahrungskonstitution. Exemplarische Analyse von Paul Cézannes ‚Montagne Sainte-Victoire’ (1904/06) unter Anwendung der Methode der objektiven Hermeneutik und Ausblicke auf eine soziologische Theorie der Ästhetik im Hinblick auf eine Theorie der Erfahrung, in: D. Garz und K. Kraimer (Hg.) Die Welt als Text. Theorie, Kritik und Praxis der Objektiven Hermeneutik, Frankfurt a. Main: Suhrkamp, 341-382

Müller-Doohm, Stefan (1993) Visuelles Verstehen - Konzepte kultursoziologischer Bildhermeneutik, in: Jung, T./Müller-Doohm, S. (Hg.): “Wirklichkeit” im Deutungsprozess. Verstehen und Methoden in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Frankfurt/Main: suhrkamp, 458-481

Oevermann, Ulrich (2009) »„Get Closer“. Bildanalyse mit den Verfahren der objektiven Hermeneutik am Beispiel der Google Earth-Werbung«. In: J. Döring (Hg.), Geo-Visiotype. Zur Werbegeschichte der Telekommunikation, Siegen: Universität Siegen, 129-177

Richter, Rudolf (1989) Visuelle Soziologie. Das Beispiel Photographie, in: Photographie und Gesellschaft 43/9

Simmel, Georg (1908/1992): »Exkurs über die Soziologie der Sinne«. In: ders., Gesamtausgabe, hrsg. von O. Rammstedt, Bd. 1, Frankfurt/M.: suhrkamp, 722-742

Soeffner, Hans-Georg (2006) Visual Sociology on the Basis of ‚Visual Concentration’, in: H. Knoblauch, B. Schnettler, J. Raab und H.G. Soeffner (eds) Video Analysis: Methodology and Methods. Qualitative Audiovisual Date Analysis in Sociology, Frankfurt/Main u.a.: Peter Lang, 209-217

Teckenberg, Wolfgang (1982) Bildwirklichkeit und soziale Wirklichkeit. Der Einsatz von Fotos in der Soziologie, in: Soziale Welt 33/2 (1982), 102-140